Sonntag, 20. Mai 2018

Das nette Mädchen


Letzthin habe ich mich mit jemanden zerstritten. Und schuld daran ist die No – Billag Initiative. Darüber sind wir uns in die Haare geraten. Für mich war es eigentlich nur eine ganz normale Diskussion. Später habe ich dann über Dritte erfahren müssen, dass mein Gesprächspartner der Meinung war, ich sei unverschämt und frech gewesen und ausserdem sei ich ihm persönlich zu nahe getreten.

Ich bin immer noch wahnsinnig sauer auf diese Person. Weil sie es mir nicht direkt gesagt hat, sondern sich bei anderen über mich beschwert hat, aber so, dass sie davon ausgehen konnte, dass ich es mitkriegen würde. Das finde ich nicht die feine Art, denn so fehlt mir die Möglichkeit, mich zu verteidigen. Und zugleich offenbart diese Geschichte ein Problem, dem ich öfters begegne: Dass es Menschen schwer fällt zu akzeptieren, dass ich eben nicht nur das nette Mädchen bin, sondern auch ganz schön die Krallen ausfahren kann.

Es stimmt, dass ich dazu neige, beim Diskutieren heftig zu werden. Ich bin mir das von  zuhause gewöhnt. Bei uns wurde immer viel über verschiedenen Themen geredet und manchmal eben auch gestritten. Wenn alle meine drei Geschwister zuhause sind und wir uns in etwas nicht einig sind, fliegen auch mal die Fetzen und es wird laut, weil jeder versucht sich Gehör zu verschaffen. Das ist aber nie böse gemeint. Es ist manchmal eben einfach hitzig.

Ich finde diskutieren wichtig. Oft lerne ich dabei mehr, als wenn ich mir irgendwelche staubtrockenen Politsendungen ansehe. Und ich finde, Diskussionen sind nur dann spannend, wenn man Gegenpole hat. Manchmal nehme ich deshalb einfach aus Prinzip eine andere Haltung ein, weil das Gespräch dann Fahrt aufnimmt. Das mache ich ja auch beim Schreiben von Kolumnen oder Blogs. Warum soll ich immer nur über Blümchen und Sonnenschein schreiben? Warum nicht auch einmal ein umstrittenes Thema aufgreifen oder eine unbequeme Position einnehmen?

Für mich ist es manchmal erstaunlich, wie schnell sich Leute für meinen Blog begeistern…und wie schnell sie ihn dann wieder doof finden, wenn ich etwas schreibe, dass ihnen nicht passt oder dass nicht ihrer Meinung entspricht. Was ich seltsam und auch schade finde, weil ich bin ja jetzt nicht ein schlechterer Mensch oder eine schlechtere Autorin nur weil ich z. B den Feminismus nicht unkritisch gegenüberstehe.

Manchmal sagen Leute von mir, ich würde gerne provozieren oder mir sei die Meinung der anderen Menschen egal. Ich finde nicht, dass ich gerne provoziere, grundsätzlich bin ich ein harmoniebedürftiger Mensch. Zudem bin ich in einer Umgebung, die ich nicht kenne oder in Gesellschaft von Leuten, denen ich noch nicht wirklich vertraue oder bei denen ich mich nicht wohl fühle, immer sehr zurückhaltend. Aber wenn ich mich mal eingewöhnt habe, dann ja, dann kann ich auch ziemlich Fahrt aufnehmen. Und ja, ich kann auch ein überraschend gutes Stimmvolumen entwickeln, wenn ich mich in einer Diskussion aufrege.

Natürlich ist mir die Meinung anderer Menschen nicht völlig egal. Ich wünschte es wäre so, dann wäre mein Leben erheblich einfacher. Natürlich tut es mir weh oder bringt es mich zum Nachdenken wenn mein Charakter negativ beurteilt wird. Ich frage mich nur manchmal, warum die Menschen bei mir so schnell dazu bereit sind, ihr Bild von mir rundlegend zu revidieren. Wenn ich nicht mehr die nette, stille und lächelnde Dési bin, sondern jemand mit Ecken und Kanten, regt das manche Menschen unwahrscheinlich auf. Fast, als hätte ich kein Recht dazu, auch mal launenhaft oder sauer zu sein.

Ich kann mich noch daran erinnern, dass mich mal eine „Kollegin“ auf einer Klassenfahrt gefragt hat, ob ich auch der Meinung sei, sie sei herrisch und beleidigend gegenüber anderen, worauf ich unvorsichtigerweise antwortete, dass sie vielleicht manchmal etwas auf ihren Ton achten müsste. Worauf sie tödlich beleidigt war. Das hat mich zwei Dinge gelernt: Erstens, dass Menschen auf Fragen wie „Findest du ich bin…“ nur Positives hören wollen und nicht unbedingt eine realistische Einschätzung ihres Charakters und zweitens, dass viele Leute der Meinung sind, dass schüchterne Menschen grundsätzlich keine eigenen Ansichten haben. Sie war nicht in erster Linie wütend, wegen dem was ich gesagt habe, sie war wütend, weil ausgerechnet ich, die in der Nahrungskette der Schule so weit unten stand, es wagte, meine Meinung zu äussern.

Das passiert mir auch noch heute: Dass andere meine Zurückhaltung als stille Zustimmung werten und gar nicht auf die Idee kommen, dass ich tatsächlich einen eigenen Kopf mit eigenen Gedanken habe. Und dann sind sie erstaunt und beleidigt, wenn ich plötzlich widerspreche. Mich ärgert das. Mich ärgert es, dass Menschen enttäuscht sind, nur weil mein wirkliches Ich sich von dem unterscheidet, was sie anhand meines Äusseres oder meiner Schreibereien in mich reininterpretiert haben. Ich bin keine heilige Jungfrau. Das war ich auch nie.

Darum heisst mein Blog auch Einhornpups und Skorpionstachel. Weil ich eben nicht nur ein glitzerndes Einhorn bin, sondern manchmal auch ein wütender Skorpion. Weil da nicht nur die nette Dési mit den Ponyfransen ist, sondern auch eine Désirée, die auch mal Netzstrumpfhosen trägt. Ein Mensch, kein Denkmal, das man auf einen Sockel stellt. Jemand, der auch mal heftig wird, der rumschreit, frustriert ist.

Ich habe immer wieder versucht, perfekt zu sein. Wollte immer nett sein, immer freundlich sein. Aber soll ich euch mal was sagen? Davon dreht man durch. Weil man diesen Anspruch niemals gerecht werden wird. Und weil es einem kaputt macht, wenn man es versucht. Wer mich nur liebt oder nur dann mag, wenn ich ein lieber Sonnenschein bin, auf den kann ich verzichten.

Wie heisst es so schön: Gute Mädchen kommen in den Himmel. Böse überallhin.

Mittwoch, 4. April 2018

Über den Glauben






Lieber Knackeboul,

Es gab mal eine Zeit, da habe ich dich bewundert. Dich und deine direkte Sprache. Deine Musik. Dein unkonventionelles Wesen. Natürlich spielte auch die Tatsache mit, dass du auch aus Langenthal kommst. Eine Art „Heimpatriotismus“ auch wenn du wahrscheinlich keine Freude daran hättest. Schliesslich hast du eine ausgeprägte Abneigung gegen alles was mit Heimatliebe und Patriotismus zu tun hat. Noch etwas was ich sympathisch an dir fand. Oder finde.

In letzter Zeit aber erstaunen mich deine Kolumnen. Sie erstaunen mich, weil sie nichts Differenziertes mehr haben. Weil sie nicht mit Farben, sondern mit einfach Schwarz – Weiss gemalt sind. Weil es dir immer mehr um die reine Provokation zu gehen scheint, statt darum, dich ernsthaft und tiefgreifend mit einem Thema auseinanderzusetzen.
Deine Kolumne zum Thema Religionen ist einfach nur daneben. Und respektlos. Und unreflektiert. Du drischst auf Menschen ein, deren Beweggründe und Motive du nicht nachvollziehen kannst. Du bezeichnest sie als dumm. Das magst du witzig meinen. Ist es aber nicht. Gerade du, der so oft – zurecht – anprangerst, dass man Menschen beleidigt, weil sie anders sind als man selbst, tust damit dasselbe. Du glaubst, du hast das Recht das zu tun, weil deine Meinung richtig und gut ist. Das ist irgendwie das was alle sagen, wenn sie verbal entgleisen. Das man ja die Wahrheit sagt. Und das es dann okay ist, ausfallend zu werden.

Ja, in vielen Dingen hast du zweifellos Recht. Damit, dass Religionen viel Leid verursacht haben und noch immer verursachen. Was du dabei vergisst – oder bewusst weglässt, weil die Welt dadurch komplizierter würde – sind die positiven Aspekte, die der Glaube mit sich bringt. Denn auch die gibt es.

Nächstenliebe, Moral, Ethik und Grundlagen des friedlichen Zusammenlebens, auch das sind Blüten des Glaubens. Die Idee, dass jeder Mensch gleich ist, egal ob er nun als Königssohn oder Bauer geboren wurde, stammt aus dem Christentum. Weisst du, wie das Christentum seinen Anfang nahm? Die Gläubigen trafen sich in Katakomben, weil sie verfolgt wurden und sie feierten als Gemeinschaft wobei sie keinen Unterschied machten zwischen Mann und Frau oder arm und reich. Später, als die Christen an die Macht kamen, haben sich diese Grundwerte leider verloren. Aber in seinem Kern ist der Glaube durchaus etwas Positives. Er ist nicht per se schlecht.

Das gilt auch für die Anhänger. Du schreibst, die Religionen und deren Anhänger seien dumm und würden Frauen unterdrücken, Homosexuelle diskriminieren, Andersgläubige verfolgen, Kinder traumatisieren, Fortschritt verwehren, Kriege verursachen, Trump wählen, Erdogan wählen, Seehofer wählen. Dir ist aber hoffentlich klar, dass dem nicht so ist oder? Nicht jeder Mensch mit einem spirituellen Zugang ist automatisch konservativ. Deine Gleichung aber ist: Wer glaubt, der ist dumm, weil sonst würde er nicht glauben und hätte dem Glauben konsequenterweise abgeschworen, so wie du es als vernünftiger, aufgeklärter und guter Mensch schon getan hast.

Lange bevor das Christentum zur herrschenden Religion geworden ist, gab es schon Krieg und Leid, wurden ganze Völker von anderen ausgerottet, wurden Menschenopfer gebracht und wurde gemordet. Das Recht des Stärkeren. Der Mensch kam nicht auf die Welt und war gut und dann kamen die bösen Religionen und er wurde plötzlich schlecht. Dass die Religionen zudem wurden was sie heute sind – zu Institutionen, die unterdrücken, strafen, zum Krieg ausrufen, Individualität abschaffen – liegt an uns. Weil es – leider – nicht in unserer Natur ist, das zu akzeptieren, was wir nicht nachvollziehen können. Das zeigst du ja mit deiner Kolumne auf sehr schöne Art und Weise.

Du meinst, viele Probleme der Welt seien gelöst, wenn wir die Religionen überwinden. Glaubst du, es gebe dann weniger Krieg? Religion ist immer nur der Deckmantel, in Wirklichkeit geht es bei diesen Kriegen doch immer nur um Macht, Geld und Land. Und wenn es nicht irgendein Gott ist, dann ist eben das Vaterland, der Kommunismus oder irgendeine andere Vision, die uns das Recht gibt, uns gegenseitig zu verkloppen.

Hast du dich mal mit der Figur des Jesus auseinandergesetzt? Wahrscheinlich schon, weil ich interpretiere aus deinem Text mal, dass du selbst sehr wohl mit dem Glauben in Berührung gekommen bist, ihn aber negativ erlebt hast. Jesus war kein Konservativer. Er hat jene Menschen zu sich gerufen, die in der Gesellschaft eine weniger gute Stellung hatten. Die Kranken. Die Ausgestossenen. Die Frauen. Er war ein Hippie, ein Revolutionär, einer, der gegen den Strom schwamm und der zu Mitgefühl, Gemeinschaft und Güte aufrief. Ob er jetzt der Sohn Gottes war oder nicht, ich glaube, dass das was er uns vorgelebt hat, ein guter Entwurf für unsere Welt wäre.

Ich selbst bin katholisch erzogen worden. Als Teenager begann ich den Glauben zu hinterfragen, eben weil er mir zu konservativ, zu eng und zu intolerant war. Ich habe wenig Verständnis für die Katholische Kirche, die sich weigert, sich zu wandeln und ich wünsche mir, dass sie ihre Türen öffnet – für alle und nicht nur für diejenigen die den kirchlichen Moralvorstellungen entsprechen. Die Spiritualität habe ich allerdings nie verloren. Ich glaube an gute Mächte. Nicht an einen strafenden, einen Gott, aber an etwas Höheres, Reineres, das sich in verschiedenen Gesichtern zeigt. Ich glaube auch an Feen, Elfen und Kobolde, an übersinnliche Wesen und an Magie. Das ist wohl die Form des Glaubens, die du als animistische Hippiekacke bezeichnest. Mit welchem Recht? Was unterscheidet deine Art der Argumentation von jenen Fundamentalisten, die erklären: Unsere Glaubenssätze sind richtig, deine nicht, deshalb sind wir besser? Du sagst zwar nicht, dass du besser bist als ich. Aber du sprichst mir meine Intelligenz ab.

Du machst dich doch für Flüchtlinge stark: Dann weisst du sicher auch, dass sich viele christliche Organisationen für diese Menschen einsetzen. Genauso wie sich die Kirche deutlich gegen Nahrungsmittelspekulation ausgesprochen hat. In sozialen Fragen ist die Kirche sehr oft nah bei den Linken.

Ja, es gibt sie und es gibt zu viele davon: Verbohrte Fanatiker, die glauben in der Bibel und im Koran stünde die reine Wahrheit und nur sie würden die Botschaft verstehen. Aber es gibt auch andere.  Vielleicht sagen dir die Namen Dietrich Bonhoeffer und Martin Luther King etwas. Ersterer war ein lutherischer Theologe, der sich gegen die Nazis stellte und dafür hingerichtet wurde, letzterer war ein Baptistenpastor, der sich gegen die Rassentrennung in der USA engagierte und ebenfalls den Tod fand. Ja, diese Menschen, die heute als Vorbild für Mut, Zivilcourage und soziales Engagement gelten, waren gläubig.

Ich kenne viele Christen, auch solche, die den Glauben einiges ernster nehmen als ich selbst. Und oft beschämen sie mich auch, weil sie tatsächlich in vielen Dingen toleranter, geduldiger und verständnisvoller sind, als ich, die fortschrittlich denkende Sozialdemokratin.
Mir hat mal ein Parteikollege gesagt: Was uns auszeichnen soll ist, dass wir uns auch wenn klar entscheiden müssen auf welcher Seite wir stehen wollen, immer hinterfragen ob unsere Entscheidung richtig war und schlussendlich immer ein Zweifel übrig bleibt. Ich finde, das ist ein guter Leitsatz. Blinder Glaube ist immer schlecht. Aber den Glauben wird es immer geben. Sei es der Glaube an einen Gott, an eine Idee oder an einen Menschen.

Deshalb soll das Ziel nicht sein, Religion oder Glaube abzuschaffen. Das Ziel soll sein, den eigenen kritischen Geist zu bewahren und sich selbst und die eigenen Grundsätze immer wieder zu hinterfragen. Du könntest damit anfangen, indem du dein Schwarz – Weiss – Denken ausknipst und mal wieder eine Kolumne schreibst, die mehr ist als eine persönliche Abrechnung.

Aber du wirst nicht auf mich hören. Weil ich bin ja dumm.

Donnerstag, 29. März 2018

Was am Ende übrig bleibt


Ich liebe Wahlkampf. Wirklich. Es ist toll, frühmorgens aufzustehen und wildfremden Menschen Flyer, Äpfel und Gummibärchen in die Finger zu drücken, wobei man ihnen das Gefühl geben muss, dass sie diese Sachen wirklich brauchen oder wollen. Oder irgendwem anzurufen und ihm euphorisch zu erzählen, wie schön es doch ist, dass wir wählen können. Noch besser ist es, im strömenden Regen an einem Stand zu stehen und zu versuchen, unwillige Passanten ins Gespräch zu ziehen, wobei man sich als Sahnehäubchen dann auch noch Sprüche wie „haben Sie überhaupt eine Arbeitsbewilligung“ anhören kann, im besten Fall noch untermalt von einem herablassenden Lächeln à la: Och, wie süss, die Kleine will mit mir über Politik reden. Ist mein Leben nicht unglaublich? Man sollte einen Film darüber drehen, wie ich versuche mit Süssigkeiten Kinder zu bestechen und dann versuche dieselben Kinder davon abzuhalten, sich gegenseitig mit den Bällen, die eigentlich für das Wurfspiel gedacht waren, ins Koma zu befördern.

Ja, ich bin sarkastisch. Ganz ehrlich, Wahlkampf macht nicht immer Spass. Also eigentlich macht er ziemlich oft keinen Spass. Immer wenn ich erzähle, ich sei in einer Partei, haben manche Menschen das Gefühl, ich würde einfach von den Mächtigen und Wählenden profitieren. Ich finde momentan nicht, dass ich profitiere. Eigentlich gibt man als stinknormales Basismitglied mehr, als dass man nimmt. Zeit zum Beispiel. Oder Nerven.
Und manchmal, wenn ich gerade dabei war, jemanden am Telefon voll zu quasseln, wie toll unsere Kandidaten sind oder mit einem breiten leicht debil wirkenden Lächeln vorbeieilenden Menschen einen Wahlflyer mitgab, da hörte ich so eine leise Stimme in meinem Kopf, die meinte: Warum tust du das eigentlich? Was bringt das denn?

Ich finde, das Schlimme an diesem ganzen Wahlkampfkram ist, dass es nicht messbar ist, ob man jetzt gute Arbeit oder schlechte Arbeit gemacht hat. Du strengst dich an, du opferst Zeit und schlussendlich kannst du nicht einmal wirklich sagen, ob es was gebracht hat. Mal ehrlich, ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand sagt, oh, die Dame hat mir einen Apfel gegeben, deshalb werde ich jetzt ihre Partei wählen. Oder dass ich irgendjemanden umstimmen kann. Ich bringe nicht einmal meine Katze dazu, ihren Hintern von meinem Stuhl fortzubewegen, von daher ist es mit meiner Überzeugungskraft nicht weit her. Mal ganz abgesehen davon, dass ich jetzt auch nicht gerade zu den beliebtesten Menschen in Langenthal gehöre. Im besten Fall halten sie mich für etwas seltsam, im schlimmsten Fall für gestört. Und dann gibt es noch diejenigen, die mich für eine opportunistische, falsche Schlange halten, wegen diesem „kleinen“ Juso – Zwischenfall vor zwei Jahren. Nein, ich glaube nicht, dass ich unbedingt dafür geschaffen bin, zu versuchen, Stimmen zu generieren.

Das finde ich immer das Schwerste im Wahlkampf. Sich so zu exponieren. Sich die Sprüche anzuhören. Und so zu tun, als mache es einem nichts aus. Auf der einen Seite bin ich stolz, dass ich es mache. Noch vor ein paar Jahren wäre ich nie auf die Strasse gegangen und hätte Menschen angesprochen. Und auf der anderen Seite braucht es manchmal einfach so eine Kraft, dass ich mich manchmal frage, ob ich sie nicht besser für etwas anderes investiert hätte.

Denn was bleibt einem am Ende eines Wahlkampfes? Letztendlich nur eine Prozentzahl. Zur Abwechslung in diesem Fall wenigstens eine positive, weil die SP im Kanton Bern tatsächlich gewonnen hat. Aber schlussendlich bleibt ist es halt einfach eine Zahl und eine Anzahl Sitze. Natürlich ist es schön, dass niemand von unseren Grossräten abgewählt worden ist – zumindest im Oberaargau – und natürlich ist es besser Sitze zu gewinnen als zu verlieren. Allerdings ist sowohl der Grossrat – als auch der Regierungsrat weiterhin klar bürgerlich. Was bedeutet, dass sich die Marschrichtung des Kantons nichts ändern wird. Was wiederum bedeutet, dass die Sparmassnahmen weiterhin durchgezogen werden.

Habe ich mir Wunder gewünscht? Nein. Ich habe eigentlich keine Ahnung was ich mir gewünscht habe. Vielleicht, dass sich die Politiker, die so nett von den Wahlplakaten runterlächeln und Sachen versprechen wie dass es jetzt vorwärts geht, sich zur Abwechslung mal weniger mit ihrem Parteiprogramm und dafür mehr mit logischen Argumenten beschäftigen. Das fände ich einen echten Fortschritt. Aber irgendwie bezweifle ich, dass das in den nächsten vier Jahren der Fall sein wird.

Ich bin einfach frustriert. Über alles. Über das Gefühl nichts ändern zu können. Nichts beeinflussen zu können. Und ja, manchmal bin ich einfach frustriert darüber immer zu geben, mich immer zu bemühen und am Ende bleiben mir nur die gestohlene Zeit, ein Dankeschön und ein paar Aperitifs.

Mann, ich brauche Motivation. Hat irgendwer welche für mich übrig?