Sonntag, 24. September 2017

Politikverdrossenheit



Ach, manchmal habe ich Lust mich auf eine einsame Dschungelinsel zurückzuziehen, den ganzen Tag Yoga zu machen und romantische Gedichte zu schreiben, während ich den Sonnenuntergang betrachte statt mich mit Politik auseinanderzusetzen. Mein Leben wäre entspannter, meine Nerven besser intakt, mein Herz würde weniger bluten.

Oder vielleicht auch nicht. Realistisch gesehen wäre ich auf einer Dschungelinsel das reinste Nervenbündel. Ich würde die ganze Zeit mit einem Mückenspray rumlaufen und alles was auch nur entfernt nach Mücke aussieht – und damit schwere Krankheiten übertragen kann – niedersprayen. Und ich würde nie Yoga in einem Dschungel machen. Was, wenn ein Tiger vorbeikommt und mich friss  Ausserdem würde ich die Sonne sicher nicht gut vertragen und würde deshalb die ganzer Zeit auf meiner Pritsche liegen und keinen Wank machen.

Also doch keine Dschungelinsel und doch die Schweiz, die zwar wunderbar ist, mir an solchen Abstimmungssonntagen ganz schön die Laune verdirbt. Die Rentenreform ist gescheitert. Ob jetzt mehr an Widerstand von rechts oder am Widerstand von ganz links, daran scheiden sich jetzt die Geister. Wahrscheinlich war es die Mischung von beiden. Und steht vielleicht symbolisch für die zunehmende Unfähigkeit mancher Menschen über die eigene Ideologie hinwegzusehen und vielleicht den einen oder anderen Wehmutstropfen zu akzeptieren. Das ist nicht gut.

Okay, das soll man nicht sagen. Die Mehrheit gewinnt, das Stimmvolk hat gesprochen, die Entscheidung muss akzeptiert werden. Ich sollte jetzt sagen, dass ich enttäuscht bin, das Resultat aber so respektiere und dass es uns wahrscheinlich nicht gelungen ist, die komplizierten Inhalte verständlich genug zu übermitteln.

Aber das ist MEIN Blog und ich bin in keinem politischen Amt tätig, deshalb muss ich auch nicht diplomatisch oder verbindlich auftreten. Darum kann ich ganz ungefiltert und direkt sagen: ES PISST MICH AN, DASS WIR SCHON WIEDER VERLOREN HABEN! ES KACKT MICH AN, DASS SCHON WIEDER EIN KOMPROMISS GESCHEITERT IST! UND ES REGT MICH AUF, DASS IM VORFELD IMMER AUF UNTERGANGSSTIMMUNG GEMACHT WIRD, TATSACHEN VERDREHT WERDEN UND HORRORSZENARIEN ENTWORFEN WERDEN, NUR DAMIT HINTERHER ALLE SAGEN KÖNNEN, SO TRAGISCH SEI ES NICHT DA KANN MAN JA KEINEN VERNÜFNTIGEN SACHBEZOGENEN ENTSCHEID FÄLLEN!

So, nun ist es raus. Jetzt geht’s mir besser. Zumindest ein bisschen.

Mir graut einfach davor, wie die nächste Rentenreform aussehen wird. Wenn sie so bürgerlich geprägt ist, wie manche Sieger das nach diese, Abstimmungssonntag wollen, dann sage ich nur, Gute Nacht.

Was mich an dieser ganzen Sache so wahnsinnig macht ist, dass wir – also die junge Generation – für den Wahlkampf missbraucht wurden. Als wären wir nicht bereit das Solidaritätsprinzip zu tragen. Was nicht stimmt. Vielleicht abgesehen von den Jungen auf der bürgerlichen Seite. Aber ich kann mich nicht erinnern, diese zu den Botschaftern meiner Generation gewählt zu haben. Und als hätten sie diese Geschichte wir – armen – Jungen – müssen – jetzt – für – die – faulen – Alten selbst geglaubt. Aber es kommt nun einmal besser, sich als Rächer der ungerecht Behandelten aufzuschwingen, als wenn man ehrlich zugibt was man wirklich will. Höheres Rentenalter und weniger Rente für alle. Gerechtigkeit eben.

Ach ja, wenn wir gerade beim höheren Rentenalter sind: Ich glaube, viele Menschen hätten tatsächlich kein Problem damit länger zu arbeiten. Aber wie sollen sie das, wenn sie ihren Job verlieren, sobald sie ein gewisses Alter erreichen? Sollte man sich nicht erst darum kümmern, dass man überhaupt so lange berufstätig sein kann wie man möchte, bevor man es zu einem Muss macht?

Ja, ich bin verbittert. Ich bin häufig verbittert in letzter Zeit. Zum Beispiel als im Kanton Bern der Asylsozialhilfekredit abgelehnt wurde. Ich hätte nie gedacht, dass das passieren würde. Ich meine, hier ging es um KINDER! Die gehen bei uns nicht einmal mehr zu Fuss in die Schule, weil ihre Mamis und Papis so um ihr Wohl besorgt sind. Und dann lehnt man es ab, denjenigen Kindern zu helfen, die unseren Schutz bitter nötig haben, einfach weil es Flüchtlingskinder sind? Ich meine, das ist doch einfach unmenschlich. Wählerwille hin oder her (ja, die Abstimmung liegt schon eine Weile zurück, aber ich ärgere mich immer noch darüber).

Verbittert und entsetzt bin ich auch über die Wahlresultate aus Deutschland. Die AfD zieht – voraussichtlich, momentan habe ich nur die Hochrechnungen – als drittstärkste Partei in den Bundestag ein. Eine menschenverachtende, zutiefst verabscheuungswürdige Partei hat es tatsächlich geschafft die Wähler auf ihre Seite zu ziehen und das  mit einer Mischung aus rassistischer Propaganda, Hetze gegen Andersdenkende und einem Haufen Lügen. Leute, jetzt mal ganz im Ernst: Wer AfD wählt, wählt ihr Nazis in Anzügen, die ihre braune Scheisse mit salbungsvollen staatsmännischen Worten zu überdecken versuchen. Aber Scheisse wird nun einmal immer stinken, egal wie viel Parfüm man draufsprüht.

In einer Sendung habe ich gehört, viele hätten die AfD gewählt, damit mal wieder Leben in den Bundestag kommt und eine echte Opposition entsteht. Äh hallo? Geht’s noch? Das wäre ungefähr so, wie wenn jemand nach einer langen Periode des Weltfriedens, eine Atombombe zünden würde, damit wieder mehr „Action“ ist.

Abgesehen davon hätte ich gerne Martin Schulz als Kanzler gehabt. Schon allein deswegen, weil er mal Buchhändler war. Das ist in meinen Augen schon ein enormes Qualitätsmerkmal.
Ach, ich weiss nicht, aber manchmal nervt mich diese Machtlosigkeit. Eigentlich bin ich gar nicht so ein Machtmensch - wobei ich schon gerne mal eine Krone hätte – aber manchmal hätte ich gerne Einfluss. Manchmal wünschte ich, jemand würde auf mich hören. Manchmal wünschte ich, es würde irgendjemanden interessieren, was meine Meinung zu irgendwas ist (also abgesehen von meiner Familie und Freunden natürlich). Manchmal wünschte ich, ich wäre in einer Position, die es mir erlauben würde, irgendetwas Konkretes zu ändern oder zu beeinflussen. Jemand zu sein. Und dann schäme ich mich wieder, weil das so ein selbstsüchtiger Wunsch ist.

Andererseits: Immerhin habe ich meine Mutter dazu gebracht der Rentenreform zuzustimmen. Sie war am Anfang nämlich gar nicht begeistert, aber nachdem ich sie einmal am Frühstückstisch mit allen Argumenten vollgequasselt habe (dank den gefühlten tausend Mails von der SP hatte ich die alle mehr oder weniger beisammen. Das ist übrigens ein grosser Vorteil, wenn du in der SP bist. Es ist praktisch unmöglich eine Abstimmung zu vergessen, weil du eine Woche vor dem Termin quasi täglich Post bekommst), sagte sie plötzlich: „Ist ja schon gut, ich stimme mit Ja.“ Worauf ich völlig verblüfft nachhackte: „Wirklich?“  Ich meine, das ist das erste Mal, dass ich jemanden von etwas überzeugt habe! Normalerweise kann ich nicht einmal meine Katze davon überzeugen vom Fernseher wegzugehen.

Worüber ich allerdings nicht verbittert bin ist die Bundesratswahl. Okay, es ein strammer Bürgerlicher, der den Bundesrat vielleicht nach rechts rücken wird. Aber ich weiss nicht, ich fand seine Antrittsrede ziemlich gut. Ich fand es auch nicht schlimm, dass er Rosa Luxemburg zitiert hat. Ist ja nicht so, als hätten nur Linke ein Recht darauf ihre Zitate zu benutzen. Und ich fand es mega süss, wie er sich direkt an seine Frau gewandt hat und ihr versprochen hat, so zu bleiben wie er ist. Ich weiss, ich bin sentimental, aber ich fand das war wirklich eine wunderbare Liebeserklärung und Respektbezeugung in einem. Etwas fürs Herz, wie man so schön sagt.

Vielleicht bräuchte es das in der Politik. Mehr Herz. Und mehr Liebe.

Samstag, 16. September 2017

"Was habe ich denn davon?"



Was bringt mir das?“ Diese Frage höre und lese ich oft, wenn es um die bevorstehende Rentenreform geht. Bekomme ich mehr Geld? Muss ich mehr zahlen? Ist meine Rente gesichert? Das sind legitime Fragen und Fragen, die wir uns alle stellen, wenn wir über eine Vorlage abstimmen, die eine massive Auswirkung auf unser eigenes Leben haben. Und dennoch: Manchmal geht mir diese Frage „Was habe ich denn davon“ einfach auf die Nerven. Muss man denn überhaupt immer etwas davon haben, um für etwas einzustehen?

Wenn sich Bürgerliche im Rahmen der Rentenreform darüber empören, wie ungerecht es sei, dass die armen fleissigen  Jungen für die bösen faulen Alten aufkommen müssen, ist das ein völlig verqueres Argument, weil es den Solidaritätsgedanken zwischen den Generationen grundsätzlich in Frage stellt. Es ist doch vollkommen logisch, dass die beruflich aktive Generation für die nicht arbeitende Generation die AHV finanzierte. Umgekehrt wäre das ja auch ein bisschen schwierig. Also, wenn der Opa, der  im Altersheim seinem Enkel, der einen lukrativen Job in der Bank hat, monatlich Geld entrichten müsste, wäre das irgendwie komisch. Die AHV tut uns Jungen ja auch nicht weh. Da sie uns direkt abgezogen wird, rechnen wir auch nie mit ihr. Und seien wir doch mal ehrlich: Mit der AHV tun wir zumindest etwas Sinnvolles. Wir geben unser Geld doch für bedeutend dümmere und nutzlosere Dinge aus (abgesehen natürlich von den Jungfreisinnigen. Die gehen natürlich immer total sorgfältig mit ihren Finanzen um und sparen bereits jetzt für das Häuschen in dem sie dann mal mit ihrer Familie wohnen werden. Sofern dieser Traum nicht von den in Saus und Braus lebenden Rentnern zerstört wird).

Allgemein stört mich das Bild, das von den älteren Mitmenschen gezeichnet wird. Immer mehr wird suggeriert, dass Senioren und Seniorinnen faul seien und dass sie doch viel zu viel kosten würden. Das ist die direkte Konsequenz einer Gesellschaft, die den Wert des Menschen nicht selten nach seiner geleisteten Arbeit misst. Sobald der Mensch alt, krank oder schwach ist, bringt er eben nichts mehr. Dass alte Menschen sich für den Freitod entscheiden, weil sie nicht zur Belastung werden wollen, steht symptomatisch dafür.

Vergessen wir dabei oft, wie viel wir unseren älteren Mitmenschen zu verdanken haben. Dass ich die Ausbildung machen konnte, die ich wollte, verdanke ich in erster Linie meinen Eltern und meinen Grosseltern, die ihr Leben lang gearbeitet haben. Dass ich als Frau abstimmen und wählen kann, verdanke ich ebenfalls engagierten Frauen und Männern, die heute im Rentenalter sind. Dass die Schweiz so ist wie sie ist, verdanken wir alle den Generationen vor uns. Unser Land ist nämlich nicht einfach so reich und friedlich vom Himmel gefallen, meine Damen und Herren. Und auch heute sind die älteren Semester wichtige Stützen für die Gesellschaft. Sie sind oft sehr aktiv in der Freiwilligenarbeit, sie übernehmen die Betreuung der Enkelkinder, wodurch sie dafür sorgen, dass beide Elternteile berufstätig bleiben können und sie geben Wissen weiter, das wir ohne sie vielleicht schon längst verloren hätten.

Daher macht es mich stinksauer, wenn ich höre wie Anzug tragende Schnösel, die noch nicht einmal ihr Studium beendet haben, in der Öffentlichkeit bewusst das Bild von schmarotzenden verwöhnten Senioren heraufbeschwören, die uns Jungen auf der Tasche liegen. Wer dieses Argument bringt, greift keineswegs die Rentenreform an, vielmehr stellt er das gesamte Prinzip der AHV in Frage. Was bringt es mir AHV einzuzahlen, wenn ich selbst nicht sofort profitiere und vielleicht gar nie davon profitieren werde? Dieser Gedanke scheint für viele der ausschlaggebende Grund zu sein, nein zu sagen.

Diese Haltung erstreckt sich auch auf andere Lebensbereiche. In dieser Woche diskutierte das Parlament ausführlich über die No - Billag Initiative. Das Netz wird überflutet von Kommentaren wie „ich schaue sowieso kein SRF, wieso soll ich dann dafür zahlen“ oder „SRF produziert sowieso nur Mist, es ist ein Skandal, dass wir das noch zahlen müssen“. Selbst Nationalräte sind sich nicht zu schade dafür, ihre Zustimmung für die Initiative damit zu begründen, dass ihnen das SRF – Programm nicht passt. So stimmt die SVP nicht nur ihre üblichen Klagelieder über das „linke Staatsfernsehen“ an, ihr Fraktionspräsident Adrian Amstutz bezeichnet auch Serien wie „Kommissar Rex“ und „Soko Wien“ als „Quatsch“. Die Essenz solcher Äusserungen: Was ich persönlich nicht mag, ist es auch nicht wert, finanziert zu werden. Dass es völlig unmöglich ist ein Fernsehprogramm zusammenzustellen, das alle Geschmäcker befriedigt, diese Tatsache wird komplett ignoriert. Es geht ja schliesslich auch nicht um den Geschmack der anderen, sondern um meinen Geschmack lautet die Devise. Völlig egal, dass man mit seinen Gebühren vielleicht eine Sendung finanziert, die jemand anderen Freude bereitet. Ich bin schliesslich der Mittelpunkt der Welt!

Dieser Egoismus – der nicht selten mit Selbstbestimmung verwechselt wird – zeigt sich auch in den Diskussionen um die Sozialhilfe. Das Märchen von den Sozialhilfebezügern, die sich auf Kosten des Staates und somit letztendlich mit unseren Steuern ein schönes Luxusleben einrichten, hält sich hartnäckig, egal wie sehr die Verantwortlichen das Gegenteil betonen und belegen können. „Der lebt von der Sozialhilfe, hat aber das neueste Smartphone!“, empört man sich am Stammtisch. Das neueste Smartphone hat man zwar selber auch, genau wie ein geregeltes Einkommen und ein schönes Haus. Aber die Vorstellung, dass jemand, der nicht einmal ordentlich arbeitet, nicht in einer Bretterbude haust und mithilfe von Brieftauben kommuniziert, scheint manche mehr zu quälen als Hühneraugen oder Verstopfungen.

Die Tatsache, dass wir Steuern zahlen gibt uns manchmal das Gefühl, wir hätten die Schweiz quasi eingekauft und hätten deshalb auch das alleinige Recht zu bestimmen, wie unser Geld eingesetzt wird. Der Gedanke hat doch auch was für sich. Wieso soll ich eigentlich dem Kredit für die Sanierung einer Turnhalle zustimmen? Ich turne da ja ganz bestimmt nicht mehr! Wieso soll ich einer neuen Eishalle zustimmen, die ich persönlich total unnötig finde? Wieso soll ich dem Umbau eines Altersheims zustimmen? Ich wohne ja da schliesslich noch nicht!

Was habe ich denn davon?

Diese Frage ist durchaus berechtigt. Aber vielleicht stellen wir sie uns einfach zu oft. Vielleicht sollte man die Frage einfach mal umformulieren. Wie wäre es zum Beispiel mit: „Was hat die Gesellschaft davon?“ Oder mit: „Was hat jemand anderes, dem es schlechter geht als mir, davon?“

Sollten wir vielleicht mal ausprobieren.

Freitag, 1. September 2017

Kunstbanausin



Zeit für ein Geständnis: Ich bin eigentlich eine Kunstbanausin. Ich gehöre zu jenen unsäglichen Leuten, die bei einem Bild mit lauter Flecken drauf, den berühmt berüchtigten Kommentar loslassen, dass das ja ebenso gut von einem Kindergartenkind hätte gemalt werden können. Meistens schiebe ich noch ein –und – für - dieses – Gekritzel – sollen – wir – aberwitzig – viel – Geld - hinblättern  oder ein vielleicht – macht – das – Bild – auf – dem - Kopf – mehr – Sinn hinterher. Manchmal interpretiere ich auch  irgendwelche witzige Geschichten in merkwürdig formlose Skulpturen oder eigenartige Installationen, einfach um mich bei einer Ausstellung wenigstens einigermassen bei Laune zu halten.

Ich habe nichts dafür! Ich kann mit moderner Kunst einfach nicht viel anfangen. Es sagt mir einfach nichts. Wenn ich ein am Boden liegendes Abflussrohr sehe, ist das für mich eben einfach ein Abflussrohr und nicht die verschlungene Darstellung eines Lebenswegs. Klar, wenn mir dann ein beflissener Museumsführer erklärt, was der Künstler mir mit seinen ausgelatschten an der Decke hängenden Pantoffeln sagen will, klingt das schon meistens einleuchtend. Aber das ändert für mich nichts an der Tatsache, dass da einfach ein paar Pantoffeln vor meinem Gesicht rumbaumeln.

Wenigstens bin ich nicht die Einzige, die mit dieser modernen Kunst nichts anfangen kann. Bei meiner Abschlussreise besuchten wir mit unserem damaligen – sehr kunstbegeisterten – Lehrer die Ausstellung von Ai Weiwei. Ich hatte mir felsenfest vorgenommen keine blöden Kommentare abzugeben, weil Ai Weiwei wirklich eine beeindruckende Persönlichkeit ist, der man Respekt zollen sollte. Ich sah mir also brav einen Raum an, der gefüllt war mit alten Stühlen (das sollte den Hang Chinas symbolisieren, alles Alte und Traditionelle auf den Müll zu werfen) und enthielt mich meines Kommentars. Meine Freundin war aber nicht ganz so rücksichtsvoll. „Das sind doch nur ein paar Stühle! Wenn ich ein paar Stühle in mein Zimmer stelle, ist das dann auch Kunst?“, zischte sie die ganze Zeit und es fiel mir ehrlich gesagt schwer, ein ernstes Gesicht zu machen, während sie über den Kunstgehalt von Stühlen und Hockern philosophierte.

Ich will damit nicht sagen, dass das nicht Kunst ist. Ich finde diese Art von Kunst einfach nicht schön. Und ich finde, wenn Kunst erst umständlich erklärt werden muss, bevor man halbwegs versteht um was es geht, hat sie den Draht zu den Menschen verloren und damit jegliche Chance wirklich Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen.

Hin und wieder habe ich aber solche „Kunstanfälle“ (eng verwandt mit meinen ab und zu auftauchenden „Sportanfällen). Während solcher Anfälle verspüre ich plötzlich den Drang mich kulturell weiterzubilden, weshalb ich dann hochstehende Bücher lese, die ich ansonsten nie aufschlagen würde, mir Filme ansehe, bei denen mich schon das Filmplakat langweilt und mir seltsame Theaterstücke ansehe.

Einmal bin ich ins Kino gegangen um mir einen Film anzusehen, in dem es um die Liebe zwischen zwei jungen Männern ging. Das Thema klang eigentlich vielversprechend. Leider war die Handlung extrem schleppend, die Dialoge hatten die Spritzigkeit eines Trauermarschs und zu allem Überfluss bestand die Filmmusik aus ganzen drei Tönen. Nach fünf Minuten schlief ich tief und fest und musste schliesslich von meinem damaligen Freund wachgerüttelt werden, als er das Kino verlassen wollte.

Ähnliche Langeweile überkam mich beim Ansehen des Films „der Goalie bin ig“. Ich fand die Handlung so einschläfernd, dass ich mir fast schon verzweifelt wünschte, dass James Bond plötzlich auftauchen und eine wilde Verfolgungsjagd anzetteln würde, einfach, damit irgendwas passiert (auch aus guten Büchern kann man schlechte Filme machen).

Der Besuch einer Vorführung der Berner Schauspielschule war zwar allerdings alles andere als langweilig, dafür aber sehr verstörend. Im Programm stand, es ginge um Identität und wie oft wir diese durch Kleidung wechseln (oder so ähnlich). Das Stück hatte allerdings nicht wirklich eine Handlung. Dauernd rannten irgendwelche Leute über die Bühne, die sich hysterisch grunzend die Kleider vom Leib rissen oder sich schminkten. Dann mussten wir alle durch Berge von dreckiger Wäsche waten und die Schauspieler stellten uns Fragen wie „Glaubst du ein rosarotes Kleid würde mir stehen?“ Und dann machte sich einer der Schauspieler auch noch nackig. Einfach so. Das Stück endete damit, dass sich alle Schauspieler Affenmasken überzogen und einem Staubsauger auf der Bühne zusahen. Danach begannen alle wie wild zu klatschen. Ich hingegen fragte mich, ob die Leute wohl ein anderes Stück gesehen haben als ich. Weil ich dieser Vorstellung wirklich absolut nichts Gutes abgewinnen konnte, ausser der Tatsache, dass es jetzt wenigstens vorbei war.

Mir fehlt einfach der tiefere Sinn für solche Ausläufer der Kunst. Ich mag Bilder, bei denen ich weiss, wo oben oder unten ist, ich mag Theaterstücke, die mich zum Lachen bringen, ich mag Filme, die mich mitreissen und Bücher, die mich berühren. Oder kurz gesagt: Ich mag Unterhaltung. So richtig schnöde oberflächliche Unterhaltung mit himmelblauen Prinzen und rosafarbenen Prinzessinnen.

Ich bin der Meinung, dass Kunst offen sein muss. All dieses schräge Zeugs gehört natürlich auch zu Kunst und Kultur. Nur weil ich es persönlich nicht besonders mag, heisst das natürlich nicht, dass es nicht seine Berechtigung hat. Und ich verstehe auch den Standpunkt, dass Kunst nicht leicht verständlich, sondern tiefsinnig und versponnen sein soll. Und natürlich bewundere ich Künstler, die sich bewusst den gängigen Standards verweigern, Neues ausprobieren und auch mal anecken.

Leider ist es aber, dass es in der Kunst – und Kulturwelt eine Tendenz dazu gibt, sich herablassend über den sogenannten „Mainstream“ zu äussern, ganz so, als sei es etwas Schlechtes, wenn das Schaffen eines Künstlers von vielen verstanden und geliebt wird. Ich finde es schade, wenn Kunst sich so sehr von den Menschen entfernt, dass sie nur noch von einer Gruppe Eingeweihter genossen werden kann. Und vor allem stört es mich, wenn Künstler das Werk eines anderen Künstlers miesmachen, nur weil er kommerziell Erfolg hat. Natürlich ist Kunst nicht automatisch gut, nur weil sie sich gut verkauft. Sie ist aber auch nicht automatisch schlecht, nur weil sie sich gut verkauft.

Künstler sollen das tun können, was sie lieben. Manchmal – und es ist ja doch eher selten der Fall – können Künstler von dieser Liebe leben, was wahrscheinlich das höchste Ziel jedes Künstlers ist. Es ist ungerecht, wenn man ihnen dann vorwirft, sie seien kommerziell geworden. Weil ja jeder von uns bis zu einem gewissen Grad kommerziell ist und mit seinen Fähigkeiten Geld verdient.

Oft wird den „kommerziellen“ Künstlern auch vorgeworfen, sie seien zu oberflächlich und hätten zu wenig Substanz; ihre Kunst sei irrelevant, versperre den Blick aufs Wesentliche und sei zu bekömmlich. Ich war einmal an einer Lesung, wo ein Autor (nachdem er uns vorgejammert hatte, mit wie vielen Ängsten man als Autor leben müsse), gesagt hat, es sei ja unfassbar wie viele bedeutungslose Bücher es auf dem Markt gebe.

Mich ärgern solche Äusserungen immer. Wenn ich etwas in meiner Ausbildung zur Buchhändlerin gelernt habe, dann das man nie einfach urteilen soll, was jetzt Literatur ist und was nicht. Alles ist Literatur. Und irgendwie berührt es mich immer unangenehm, wenn Künstler über die Werke anderer Künstler lästern. Weil, Kunst sollte doch frei und offen sein oder? Es sollte doch für alles Platz haben; das Oberflächliche und das Tiefsinnige. Ohne das eine, kann das andere schliesslich gar nicht existieren.

Ich persönlich bewundere Künstler, die sich in die Politik und das Weltgeschehen einmischen, kann aber auch nachvollziehen, wenn jemand das nicht möchte. Genau wie wir ja auch nicht immer „politisieren“ möchten. Zugleich finde ich es schade, dass sich die Kultur oft so meilenweit vom alltäglichen Leben entfernt hat, dass sie ihren Einfluss auf das politische Leben komplett verloren hat. Dabei sind Bücher, Filme und Lieder ideal dafür einen Zugang in die Herzen der Menschen zu gewinnen. Sofern man eine Sprache wählt, die verständlich ist.

Wofür ich überhaupt kein Verständnis habe ist es, wenn bereits bestehende Werke „modernisiert“ werden, eine Unart, die vor allem in der Theaterwelt verbreitet ist. Ich bekomme die Krise, wenn ich sehe, wie Shakespeare komplett verändert dargestellt wird, nur weil die Regisseure sich profilieren möchten. Dabei haben sich die Autoren ja durchaus etwas bei ihren Werken überlegt. Und mal ehrlich: Niemand käme auf die Idee das Originalbild der Mona Lisa zu verändern. Wieso wird es dann so selbstverständlich bei Theaterstücken gemacht und dann noch von der Kritik hochgejubelt, je weiter sich der Regisseur vom eigentlichen Werk entfernt hat? 

Also, ich weiss natürlich nicht, was diese verstorbenen Autoren über diese Interpretationen denken, aber wenn ich so ein Werk wie „Romeo und Julia“ geschrieben hätte und so ein überkandidelter Schnösel würde meine Dialoge verschandeln, um die Sprache anzupassen, meine Handlung verändern, um sie zeitgemässer zu machen, meine Figuren zu überdrehten Psychopathen machen und in schrecklich geschmacklose Kostüme stecken, ich würde höchstpersönlich aus dem Grab steigen und ihm die Meinung geigen.

Tja, das ist sie, die traurige Wahrheit. Ich bin eine Kulturbanausin. Und eine Kunstbanausin.
Aber besser das als gar keine Kultur oder?